Mittwoch, 3. Dezember 2014

Myitkyina und das birmanische Aerobic

In Myitkyina verbrachte ich ein paar Tage zum Ausruhen und zur Gewöhnung an das Leben in Myanmar abseits von Dschungel und Bergen. Die Menschen hier leben nochmals einfacher als in den Ländern, die ich bisher besucht habe. Über die Felder ziehen Ochsenkarren. Fahrrad-Rischkas gehören neben den Mopeds (normale sowie Dreirad-Transporter für mehr als zehn Passagiere) und hie und da einem Auto zum Stadtbild. Die  meisten Strassen sind Staubpisten, und wo ein Hartbelag gebaut wird, geschieht dies fast vollständing durch die Muskelkraft der Bauarbeiterinnen (dies ist hier eine klare Frauendomäne). Häuser mit fliessendem Wasser haben auf dem Dach einen Tank und manchmal eine Sonnenerhitzungsanlage. Einfache Häuser haben Wände aus Bambusblättergeflecht und Dächer aus Reisgarben, durch die der Rauch vom Feuer nach aussen dringt. Die Menschen waschen ihre Kleider und oft auch sich selbst am Flussufer. Kinder aus ärmeren Familien arbeiten als Handlanger in einem Restaurant oder einem Laden auf dem Markt und erhalten dafür eine oder zwei Mahlzeiten pro Tag. Ein Schulbesuch und die Aussicht auf eine besseres Einkommen als Erwachsene bleibt ihnen so natürlich verwehrt. 
Auch der Tourismus ist anders: abseits von den grössten Touristenmagneten wie Bagan, Mandalay und Yangon haben nur wenige Hotels die Lizenz um Touristen aufzunehmen. Ebenso ist in diesen kleineren Orten für Touristen bei Ankunft und Abreise eine eine Meldung bei den uniformierten Beamten in der Immigrationsbehörde nötig. Dort, aber auch in Hotels und ganz im Allgemeinen, sprechen nur sehr wenige Leute Englisch, und dies oft nur in Brocken. Eine ältere Besitzerin eines Teashops sprach fliessend, da sie eine Schule aus der britischen Kolonialzeit besucht hatte. 
Wegen den Spannungen zwischen den Unabhängigkeitsbewegungen und der Armee sind gewisse Land- und Wasserwege für Touristen oder sogar für jegliche Reisende zeitweise gesperrt. Ganz abgesehen von den Gebieten, die die Regierung einfach so für Ausländer sperrt. In den legitimen Gebieten ist aber abgesehen von ganz vereinzelnen Militärposten am Strassenrand nichts von den Spannungen spürbar. 
Am letzten Tag in Myitkyina entdeckte ich etwas ganz erstaunliches: zwei weissshäutige Langnasen! Erst jetzt wurde mir bewusst, dass nirgendwo in der Stadt westliche Menschen zu finden waren. 

Als Cevianerin fühlte ich mich im beliebten YMCA-Hostel sofort ein bisschen zuhause.  

Aussicht von der Stadt über den Irrawady. Die Lebensader Myanmars entspringt wenig nördlich von Myitkyina aus dem Zusammenfluss zweier kleinerer Ströme. 

Zum ersten mal hatte ich diese Halle des YMCAs betreten, als mich eine Frau - wieder ohne gemeinsame Sprache - spontan zu einer Hochzeit einlud. Allerlei lokale Speisen wurden aufgetischt, besonders mochte ich etwas, was anscheinend grüne Mangos waren, nun tiefrot von der scharf-sauren Sauce mit einigen undefinierbaren, hoffentlich nicht tierischen, Zutaten. Ein junger Mann gab sein bestes Englisch, um mit mir etwas zu plauderte. Der Fotograf schoss mehrere Bilder mit mir und dem westlich gekleideten Brautpaar. Die Trauung im Tempel, vermutlich in traditionellen Kleidern, hatte ein paar Tage vor dem Fest stattgefunden.  
Später nahm ich in der selben Halle gemeinsam mit ein paar Jungs am Karatetraining teil. Dann wurde der Boden mit Plastiktischtüchern belegt und ich machte mit den Frauen Aerobic: Fast die ganze Stunde lang werden die Hüften im Takt der westlichen Musik rasant hin und her geschwungen, begleitet von einigen Bewegungen der Arme und Beine. Beim abschliessenden Yoga legten sich viele von ihnen mühelos in den Spagat und ähnliche Dehnungspositionen. Mich erstaunte auch das bauchfreie Trainingsoutfit mehrerer Ladies angesichts der Tatsache, dass birmesische Frauen in der Öffentlichkeit ihre Beine und Schultern bedecken. Diese Ladies des YMCA-Aerobics hiessen mich sehr herzlich willkommen und wir fühlten uns ohne viele Worte sehr miteinander verbunden. 

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